Heileurythmie

Heileurythmie oder Therapeutische Eurythmie ist eine spezielle Therapieform der Anthroposophischen Medizin, die seit 1921 aus den Bewegungsformen der Eurythmie entwickelt wurde.

Inhaltsverzeichnis

1. Geschichte der Heileurythmie

Seit 1911 wurde die Eurythmie entwickelt. In den Jahren bis 1921 stellten sich die zwei Eurythmistinnen Elisabeth Baumann (geb. Dollfus) und Erna von Deventer (geb. Wolfram) die Frage: "Müßte man mit der Eurythmie, die aus den griechischen Mysterien stammt nicht heilen können, da Vokale und Konsonanten ja kosmischen Ursprungs waren und sind?" Während eines Ärztekurs vom 12. bis 17. April 1921 gab daraufhin Rudolf Steiner den Heileurythmie-Kurs in 6 Vorträgen vor Ärzten und solchen Eurythmisten, die länger als zwei Jahre im Studium waren.1 Schon die historisch ersten Eurythmieübungen aus den Jahren 1911-1913 enhielten die Keime für die therapeutischen Übungen der Heileurythmie. Es waren dies:2
  • Die Beziehung zur Erde und zum elementarischen Umkreis soll im Schreiten von Alliterationen erlebt werden
  • Studium der Bewegungsmöglichkeiten des Menschen mit Hilfe der Anatomie
  • Griechischen Kunstwerke betrachten und auf sich wirken lassen (ätherische Qualität)
  • Die Bewegungsdynamik der Sprache erleben und bewegen
  • Die sechs Stellungen aus einem Werk des Cornelius Agrippa von Nettesheim studieren und üben
  • Üben mit den Füßen zu schreiben, um eine erweitert Beziehung zur Erde und Fußbewegungen zu veranlagen
  • Die I-A-O Übung als Gestaltübung erfahren
  • Die seelischen Qualitäten der Vokale und die Bildekräfte von Konsonantengruppen erleben
  • Bewegungsqualitäten von Spiralen studieren
  • Das erste eurythmische Wort, das HALLELUJA, gestalten als Reinigungsübung

2. Vorbedingungen für eine Heileurythmieausbildung

"Die Vorbedingung zum Heileurythmie-Beruf ist, daß Sie erst die ganze Kunsteurythmie in ihrem Unterbau kennen und können. Sie müssen imstande sein, kunsteurythmisch auf der Bühne darzustellen ein dramatisches Gedicht, ..., mit allen eurythmischen Gesetzmäßigkeiten für den Wort-Sinn und die Satzbildung, mit Formen und Körperhaltungen...Dann erst, wenn Sie alles Aspekte der Kunst-Eurythmie beherrschen, können Sie zur Heileurythmie übergehen."3 Alles andere ist Dilettantismus, "ein lustiges Drauflosheilen", denn man lernt die ätherischen Kräfte, die für die Heilung eingesetzt werden, zunächst in der Kunsteurythmie kennen und ausbilden. In der Kunsteurythmie werden diese Kräfte der Welt (dem Publikum) geschenkt. Es ist ein Ausleben desjenigen, was elementar in der Gestalt und der Bewegungstendenz des menschlichen Körpers ist. In der Heileurythmie werden diese Kräfte umgewendet auf den Organismus. Rudolf Steiner warnt: "Wer beides wird durcheinanderwerfen wollen, wird sich erstens seine eurythmische Künstlerschaft zerstören und zweitens in bezug auf das therapeutisch-hygienische Elenemt nichts Besonderes erreichen können." 4

3. Anthroposophische Medizin und Heileurythmie

In der Anthroposophischen Medizin wird eine Erkrankung als Störung der leiblichen, seelischen und geistig-individuellen (karmischen) Ebenen des Menschen betrachtet. Gezielte Lautbewegungsübungen sollen die Selbstheilungskräfte aktivieren und die gestörten Bereiche wieder in ein harmonisches Gleichgewicht bringen. Die Eurythmietherapie ist damit eine aktive Bewegungstherapie, bei der der Patient selbst an seiner Genesung mitarbeitet. Es handelt sich um eine Einzel-Therapie.5 Im Rahmen der anthroposophisch erweiterten Medizin wird Heileurythmie bei akuten, chronischen oder degenerativen Erkrankungen des Nervensystems, des Herz-Kreislauf-Systems, des Stoffwechselsystems und des Bewegungsapparates angewendet. Weitere Anwendungsgebiete sind kindliche Entwicklungsstörungen und Behinderungen sowie Psychosomatik, Psychiatrie, Augen- und Zahnheilkunde. In den letzten Jahren sind einige alternativmedizinische Untersuchungen veröffentlicht worden, die die Wirkung von Heileurythmie in verschiedenen Kontexten belegen wollen.6

4. Berufsrecht Heileurythmie

Die materialistische, reduktionistische Wissenschaft kennt die Heileurythmie – wie andere alternativmedizinische Verfahren – nicht an.7

Das Berufsrecht unterscheidet zwischen Heilberufen, die eigenverantwortlich körperliche oder seelische Leiden behandeln dürfen (Arzt, Zahnarzt, Psychotherapeut, Heilpraktiker), und den Heilhilfsberufen oder Gesundheitsfachberufen, die zur Krankenbehandlung grundsätzlich nur aufgrund ärztlicher Verordnung befugt sind. Die gesetzlich nicht fixierten Berufsbilder des Bewegungstherapeuten, Heileurythmisten, ect. zählen zu der zweiten Gruppe. Das Führen der Berufsbezeichnung Bewegungstherapeut, Heileurythmist ect. ist rechtlich nicht zu beanstanden, berechtigt jedoch nicht zu Krankenbehandlungen ohne ärztliche Verordnung und somit nicht zur Ausübung der Heilkunde. Wer die Heilkunde ohne Ärztin oder Arzt zu sein, ausüben will, bedarf dazu der Erlaubnis nach § 1 des Gesetzes über die berufsmäßige Ausübung der Heilkunde ohne Bestallung (Heilpraktiker Gesetz). 8 Daher wird manchmal die Empfehlung ausgesprochen, die Heileurythmie als Ergänzung zu einem bereits bestehenden therapeutischen Beruf zu nehmen oder mit dem "kleinen" Heilpraktiker (Psychotherapie) zu kombinieren.

5. Literatur

  • 1. Rudolf Steiner 1921 in: Aus der Entstehungszeit der Heileurythmie - Erinnerungen. Schriftenreihe der Heileurythmie-Ausbildung Stuttgart. Heft 2. 2. Auflage 1995. Selbstsverlag.
  • 2. Aus der Entwicklung der Heileurythmie. Lebensbilder - Berichte. Schriftenreihe der Heileurythmie-Ausbildung Stuttgart. Heft 1. Selbstverlag. 1983
  • 3. Rudolf Steiner 1921 in: Aus der Entstehungszeit der Heileurythmie - Erinnerungen. Schriftenreihe der Heileurythmie-Ausbildung Stuttgart. Heft 2. 2. Auflage 1995. Selbstsverlag.
  • 4. Rudolf Steiner. Heileurythmie. 3. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1966
  • 5. Urteil des deutschen Bundessozialgerichts der Bundesrepublik Deutschland, Urteil vom 22. März 2005 (Aktenzeichen B 1 A 1/03 R): Die Kosten für Heileurythmie können von den gesetzlichen Krankenversicherungen erstattet werden. Aber nur wenige Krankenkassen haben einen Rahmenvertrag über Integrierte Versorgung mit Anthroposophischer Medizin.
  • 6. Harald J Hamre, Claudia M Witt, Anja Glockmann, Renatus Ziegler, Stefan N Willich, Helmut Kiene: Eurythmy therapy in chronic disease: a four-year prospective cohort study. In: BMC Public Health. 7, S. 61, doi:10.1186/1471-2458-7-61. Deutsche Übersetzung: http://www.ifaemm.de/Abstract/PDFs/HH08_4.pdf
  • 7. Arndt Büssing, Thomas Ostermann, Magdalena Majorek and Peter F Matthiessen: Eurythmy Therapy in clinical studies: a systematic literature review, BMC Complementary and Alternative Medicine 2008, 8:8 doi:10.1186/1472-6882-8-8, online: http://www.biomedcentral.com/1472-6882/8/8
  • 8. Heilpraktiker Gesetz - HEILPRG vom 17.02.1939 (BGBl. I S. 251), zuletzt geändert durch Gesetz vom 02.03.1974 RGBl. I S. 469. Ausübung der Heilkunde ist jede berufs- oder gewerbsmäßig vorgenommene Tätigkeit zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Krankheiten, Leiden oder Körperschäden bei Menschen, auch wenn sie im Dienst von anderen ausgeübt wird (§ 1 Abs. 2 HEILPRG). Nach § 3 HEILPRG stellt die Ausübung der Heilkunde ohne Erlaubnis einen Straftatbestand dar.