Eurythmie

  1. Inhaltsverzeichnis

    1. Eurythmie

    Eurythmie [altgr.] εὖ eu „gut“, „richtig“ und ῥυθμὀς rhythmόs  ; Rhythmus, Form, Proportion, Zustand, Gestalt, Haltung kann mit „Gleich- und Ebenmaß in der Bewegung“ oder „schöne Bewegung“ übersetzt werden. 1 Der Name Eurythmie bzw. Eurhythmie wurde am Anfang des 20. Jahrhunderts von mehreren Bewegungsreformern verwendet (u.a. Émile Jaques-Dalcroze, Rudolf von Laban, Suzanne Perrottet).2 Die in diesem Artikel beschriebene Eurythmie ist eine Bewegungskunst, die auf dem Boden der Anthroposophie gewachsen ist. Die Heileurythmie entstand im Rahmen der anthroposophischen Medizin als eine eigenständige Therapieform.

    Zu Beginn des letzten Jahrhunderts (ab 1911) wurde die Eurythmie durch den Begründer der Anthroposophie Rudolf Steiner (1861–1925) geschöpft und zusammen mit seinen Schülern entwickelt. Diese Eurythmie geht auf die Anschauungen Goethes zurück, die durch Rudolf Steiner methodisch weiterentwickelt wurden. 3 4 Sie ist nicht zu verwechseln mit der Eurhythmie Rudolf von Labans, mit dem sie nur den Namen gemeinsam hatte, diese geht vermutlich auf Anregungen des Malers John Ruskin aus der Mitte des 19. Jahrhunderts zurück.5 Steiner schuf zwischen 1911 und 1925 mit der Eurythmie eine expressionistische Kunst, eine Gebärdensprache, die dasjenige durch den ganzen Leib als bewegte Plastik auszudrücken vermag, was durch Sprache sehr umständlich zu beschreiben und vermitteln ist. 6 Steiner entwickelte eine Vielzahl von einfachen bis komplexen Eurythmieformen zu Gedichten und Tonstücken, die heute auch vereinfacht als Choreografien bezeichnet werden, deren Verständnis und Gestaltung ein Ziel einer Eurythmieausbildung ist.

    2. Entwicklung der Eurythmie-Anfangsjahre

    Tanzgeschichtlich kann die Entstehung der Eurythmie im Zusammenhang mit der Revolutionierung des Tanztheaters und des Körperbewussteins zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gesehen werden, die in Amerika unter anderem von Isadora Duncan, Loïe Fuller und Ruth St. Denis ausging.7 Sie suchten nach neuen Inhalten und Ausdrucksformen im Tanz. Die Eurythmie entstand zur gleichen Zeit wie etwa die Rhythmische Gymnastik nach Émile Jaques-Dalcroze (1865–1950), die tänzerischen Ausdrucksformen nach Rudolf von Laban (1879–1958) und anderen expressionistischen Kunstbestrebungen. Altes wurde aufgebrochen, um Neues zu finden.8

    Die ersten Indizien für eine Beschäftigung Steiners mit Bewegungskunst gehen auf das Jahr 1908 zurück. In dieser Zeit hielt er Vorträge über das Johannes-Evangelium. Im Rahmen eines Vortrages fragte Rudolf Steiner die Malerin und Schriftstellerin Margarita Woloschin nach der Möglichkeit einer tänzerischen Umsetzung. Woloschins Antwort war „Ich glaube, man könnte alles tanzen, was man fühlt“. Sie selbst ergriff aber nicht weiter die Initiative. So dauerte es weitere drei Jahre bis Rudolf Steiner 1911/1912 mit seinen ersten Unterrichtsanweisungen die Eurythmie schöpfen konnte.9

    Die erste Eurythmieschülerin waren 1911 Lory Maier-Smits, die Tochter der Anthroposophin Clara Smits. Kurze Zeit später wurden auch Annemarie Dubach-Donath und Tatiana Kisseleff in die Eurythmie eingeführt. Einige der ersten Übungen und Aufgaben aus der Anfangszeit der Eurythmie waren:

    • Die Beziehung zur Erde und zum elementarischen Umkreis soll im Schreiten von Alliterationen erlebt werden
    • Studium der Bewegungsmöglichkeiten des Menschen mit Hilfe der Anatomie
    • Griechischen Kunstwerke betrachten und auf sich wirken lassen (ätherische Qualität)
    • Die Bewegungsdynamik der Sprache erleben und bewegen
    • Die sechs Stellungen aus einem Werk des Cornelius Agrippa von Nettesheim studieren und üben
    • Üben mit den Füßen zu schreiben, um eine erweitert Beziehung zur Erde und Fußbewegungen zu veranlagen
    • Die I-A-O Übung als Gestaltübung erfahren
    • Die seelischen Qualitäten der Vokale und die Bildekräfte von Konsonantengruppen erleben
    • Bewegungsqualitäten von Spiralen studieren
    • Das erste eurythmische Wort, das HALLELUJA, gestalten als Reinigungsübung

    Die Eurythmie als Bewegungskunst bildete sich allmählich bei den Münchner Inszenierungen von Steiners Vier Mysteriendramen von 1910 bis 1913 unter besonderer Mitwirkung seiner Mitarbeiterinnen Mieta Waller und Marie von Sivers heraus. Am 24. September 1912 schlug Marie von Sivers „Eurythmie“ als den heute gebräuchlichen Namen vor. Nach dem Bau des Goetheanums im schweizerischen Dornach wurde dieses die Hauptbühne für Eurythmieaufführungen, deren Leitung Marie Steiner und Tatjana Kisseleff inne hatten.10

    Die ersten Eurythmieausbildungen wurden 1924 in Dornach 11und in Stuttgart 12 begründet.

    3. Ausbildung

    Durch Eurythmie wird der Wille entwickelt.13 Dies geschieht langsam. Daher wird Eurythmie an verschiedenen Eurythmie- und Kunstschulen in mehrjährigen Berufsausbildungen gelehrt; für pädagogische Eurythmie, Heileurythmie und Sozialeurythmie gibt es aufbauende Berufsausbildungen. Von Eurythmisten werden, zusätzlich zu den eurythmischen Fähigkeiten, im Allgemeinen Grundkenntnisse in Metrik, Poetik, Ästhetik; Musik; Geometrie (Aufbau von Bildwerken); Plastisch-Musikalische Anthropologie (Anatomie); Gesang und Rezitation (Sprachgestaltung genannt); Grundkenntnisse in Pädagogik und der Geisteswissenschaft Anthroposophie erwartet. Für Eurythmielehrer und Heileurythmisten kommen hierzu noch besondere pädagogische bzw. medizinische Kenntnisse mit Schwerpunkt in der Waldorfpädagogik bzw. Anthroposophischen Medizin. Die Eurythmie ist reguläres Unterrichtsfach an Waldorfschulen. Sie wird von der ersten bis zur zwölften Klasse unterrichtet (in Deutschland). Bereits im Waldorfkindergarten wird Eurythmie spielerisch mit den Kindern geübt. An staatlichen Schulen hingegen tritt das Fach nicht im Curriculum (Lehrplan) auf.

    4. Ziel und Inhalt der Eurythmie

    Eurythmie ist aus der Sicht ihres Schöpfers die Kunst, in Sprache und Musik wirksame Gesetzmäßigkeiten und Beziehungen durch menschliche Bewegung sichtbar zu machen. Hierzu werden verschiedene Gestaltungsmittel wie Gebärden, farbiges Licht und Raumformen eingesetzt.

    Die Eurythmie kann geistige Inhalte durch Körperbewegungen und Gesten (Sinn-, Laut-, Satz-, Ton- und Motivgebärden) umittelbar darstellen. Die Möglichkeit des seelischen Ausdrucks auch von Sprache und Lauten unterscheidet Eurythmie dabei von vielen anderen rhythmischen Darstellungsformen. Zwar gibt es auch andere Bewegungskünste, die auf Sprache aufbauen, aber keine davon hat so viele Ausdrucksmittel in einem vergleichbaren Maße wie die Eurythmie. Der eurythmische Künstler ist angehalten ständig weitere Gebärden zu finden. In der Eurythmie besteht ein großer Teil der Aufführungen aus dieser sogenannten Sprach- bzw. Lauteurythmie.

    In Eurythmie-Aufführungen werden dramatische, epische und lyrische, aber auch humoristische Werke der Sprach- und Musikdichtung aller Epochen als „beseelte sichtbare Sprache“ und „sichtbarer Gesang“ zur Darstellung gebracht. Dies geschieht sowohl durch Gruppen, wie in solistischer Form. Eine bekannte Bühneninszenierung, in der die Eurythmie Verwendung findet, ist die Aufführung der ungekürzten Fassung von Goethes Faust I und II Goetheanum in Dornach (CH).

    Die Heileurythmie ist eine metamorphosierte Eurythmie, die ab 1921 auf Anfrage von zwei Eurythmistinnen durch Rudolf Steiner entwickelt wurde.

    Seit den 1980er Jahren wurde die anfangs unter dem Begriff Betriebseurythmie bekannt gewordene und dort auch angewendete Eurythmie in sozialen Arbeitsfeldern zur Sozialeurythmie weiterentwickelt. Die Sozialeurythmie soll dem Ausgleich einseitiger Bewegungsabläufe sowie der Weckung von Kreativität dienen.

    5. Eurythmieform bzw. Choreographie

    Jede eurythmische Aufführung verwendet eine Eurythmische Form, die heute oft vereinfacht als Choreographie bezeichnet wird. Durch die Form erscheint das musikalische oder sprachliche Kunstwerk im Raum. Bei der Entwicklung der Form steht das musikalische oder sprachliche Kunstwerk und seine Gestaltung im Mittelpunkt. Kommentare wie Taktangaben bei der Toneurythmie oder Textzeilen bei der Lauteurythmie verdeutlichen den Bezug der Form zum interpretierten Kunstwerk. Auf Formen finden sich oft auch Kostümangaben, Vorgaben zu Requisiten, Schleiern und Gewandfarbe und zur Farbe der im Verlauf der Interpretation wechselnden Bühnenbeleuchtung.

    Neben der Form gelten die Gebärden als zweite Grundlage der eurythmischen Darstellung. Die elementarsten Gebärden sind Bewegungen des eigenen Körpers in den Raumrichtungen, also Aufrichten, Zusammenziehen und Beugen des Körpers. Diese Bewegungen werden überlagert von Bewegungen der Arme. Für diese gibt es eine Reihe von Hauptgebärden für Töne, Intervalle und Laute, die jedoch in ihrer Größe und Ausrichtung im Raum, in ihrer Reihenfolge und in der Verknüpfung untereinander vielfältig variiert werden. Die so genannten Apollinischen Formen richten sich nach der Grammatik und dem Sinnzusammenhang der Sprache.

    6. Heileurythmie

    Heileurythmie bzw. Therapeutische Eurythmie ist eine spezielle Therapieform innerhalb der Anthroposophischen Medizin. Sie wurde 1921 von Rudolf Steiner aus den Bewegungsformen der Eurythmie entwickelt. Es handelt sich um eine Einzel-Therapie, die von Heileurythmisten angeleitet wird. Voraussetzung aus Sicht ihres Schöpfers ist eine mindestens zweijährig Ausbildung in Kunsteurythmie und daran anschließend ein Aufbaustudium in Heileurythmie bzw. Therapeutischer Eurythmie.

    Im Rahmen der anthroposophisch erweiterten Medizin wird Heileurythmie bei akuten, chronischen oder degenerativen Erkrankungen des Nervensystems, des Herz-Kreislauf-Systems, des Stoffwechselsystems und des Bewegungsapparates angewendet. Weitere Anwendungsgebiete sind kindliche Entwicklungsstörungen und Behinderungen sowie Psychosomatik, Psychiatrie, Augen- und Zahnheilkunde.

    Manche Krankenkassen erstatten Heileurythmieanwendungen. 14

    7. Literatur

    Rudolf Steiner

    • Eurythmie. Die Offenbarung der sprechenden Seele (= GA 277). Rudolf Steiner Verlag, Dornach 3. A. 1999, ISBN 3-7274-2770-1
    • Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie (= GA 277a). Rudolf Steiner Verlag, Dornach 3. A. 1998, ISBN 3-7274-2775-2
    • Eurythmie als sichtbarer Gesang. Ton-Eurythmie-Kurs (= GA 278). Rudolf Steiner Verlag, Dornach 3. A. 1998, ISBN 3-7274-2781-7; als Taschenbuch (Tb 743): ISBN 3-7274-7430-0
    • Eurythmie als sichtbare Sprache. Laut-Eurythmie-Kurs (= GA 279). Rudolf Steiner Verlag, Dornach 5. A. 1990, ISBN 3-7274-2790-6; als Taschenbuch (Tb 714): ISBN 3-7274-7180-8
    • Eurythmie – Die neue Bewegungskunst der Gegenwart. Sonderausgabe als Taschenbuch (aus GA 277–279): (hg. v. Edwin Froböse). Rudolf Steiner Verlag (Tb 642), Dornach 1991, ISBN 3-7274-6420-8

    Andere Autoren

    • Annemarie Dubach-Donath: Die Grundelemente der Eurythmie. Verlag am Goetheanum, Dornach 1928; 6. A. 1988, ISBN 3-7235-0028-5
    • Lory Maier-Smits, Erste Lebenskeime der Eurythmie (aus Aufsätzen von 1951). In: Erinnerungen an Rudolf Steiner. Freies Geistesleben, Stuttgart 1979; 2. erw. A. 2001, ISBN 3-7725-1979-2
    • Magdalene Siegloch: Lory Maier-Smits. Die erste Eurythmistin und die Anfänge der Eurythmie. Verlag am Goetheanum (Pioniere der Anthroposophie 12), Dornach 1993, ISBN 3-7235-0689-5
    • Magdalene Siegloch: Eurythmie. Eine Einführung. Freies Geistesleben, Stuttgart 1990; Neuausgabe (als Taschenbuch) 1997, ISBN 3-7725-1237-2
    • Rüdiger Grimm (Hg.): Heilende Kräfte in der Bewegung. Die Anwendung der Heileurythmie in der Heilpädagogik. Freies Geistesleben, Stuttgart 1997, ISBN 3-7725-1589-4
    • Arfst Wagner (Hg.): Eurythmie. Aufbruch oder Ende einer jungen Kunst? Flensburger Hefte (FH 73), Flensburg 2001, ISBN 3-935679-01-7
    • Michael Brater u. a.: Betriebseurythmie. Ein Übungsweg zu Teambildung und beweglicher Arbeitsorganisation. Freies Geistesleben, Stuttgart 2002, ISBN 3-7725-1109-0
    • Beatrix Hachtel, Angelika Gäch: Bibliographie Heileurythmie. Veröffentlichungen 1920–2005. Natur Mensch Medizin, Bad Boll 2007, ISBN 3-928914-16-2
    • Eva Froböse (Hg.), Rudolf Steiner über Eurythmische Kunst. DuMont Buchverlag, Köln 1983, ISBN 3-7701-1527-9
    • Sylvia Bardt: Eurythmie als menschenbildende Kraft. Freies Geistesleben, Stuttgart 1998, ISBN 3-7725-0276-8
    • Tatjana Kisseleff: Eurythmie-Arbeit mit Rudolf Steiner.Verlag Die Pforte, Basel 1982, ISBN 3-85636-062-X
    • Vorlage:Theaterlexikon
     

    Einzelnachweise

    • 1. Heike Klünker: Rhythmόs: Ausdruck des Lebendigen in Christian Rittelmeyer und Heike Klünker, Lesen in der Bilderschrift der Empfindungen. Verlag Freies Geistesleben. Stuttgart 2005
    • 2. Dietmar Ziegler: Die spirituelle Bewegungskunst Eurythmie. In: tanz bewegung & spiritualität.Hrsg. Dagmar Ellen Fischer und Thomas Hecht. Henschel Verlag, Leipzig 2009
    • 3. Rudolf Steiner: Eurythmie. Die Offenbarung der sprechenden Seele. Ansprachen zu Eurythmie-Aufführungen 1918-1924. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1999.
    • 4. Dietmar Ziegler: Rudolf Steiners Ästhetik und ihre Rezeption heute. Helios Academie Verlag, Karlsruhe 2011; http://eurythmie.org/edubib/Kunstimpuls_3.pdf
    • 5. Renate Foitzik Kirchgraber: Lebensreform und Kunstlergruppierungen um 1900. Diss. Uni Basel 2003; http://edoc.unibas.ch/671/1/DissB_6566.pdf
    • 6. Rudolf Steiner: Eurythmie. Die Offenbarung der sprechenden Seele. Ansprachen zu Eurythmie-Aufführungen 1918-1924. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1999
    • 7. Gabi Vettermann: Rudolf Steiner. In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, hrsg. v. Ludwig Fischner, Stuttgart 2006
    • 8. Gabriele Brandstetter: Tanz-Lektüren. Körperbilder und Raumfiguren der Avantgarde. Fischer (TB.), Frankfurt a. M 1995
    • 9. Rudolf Steiner: Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie (= GA 277a). Rudolf Steiner Verlag, Dornach 3. A. 1998,
    • 10. Bodo von Plato, Anthroposophie im 20. Jahrhundert, Verlag am Goetheanum, Dornach 2003
    • 11. Tatjana Kisseleff: Ein Leben für die Eurythmie. Autobiographisches ergänzt von Brigitte Schreckenbach. Verlag Ch. Möllmann, Borchen 5. A. 2008, ISBN 978-3-89979-038-2
    • 12. Rudolf Steiner: Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie (= GA 277a). Rudolf Steiner Verlag, Dornach 3. A. 1998, ISBN 3-7274-2775-2
    • 13. Rudolf Steiner. Heileurythmie. 3. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1966
    • 14. Stiftung Warentest, Alternative Behandlungsverfahren – Was die Krankenkassen bezahlen, Pressemitteilung vom 17. Januar 2006; eine Übersicht bei Infoblatt zum Kassenwechsel (PDF; 69 KB)